Rezepte

Urgroßmutters Rezepte

Unser erster Ansatz bestand in dem Versuch, Leute zu befragen, ob sie Rezepte ihrer Urgroßmutter kennen. Die Urgroßmutter schien uns weit genug entfernt, um festzustellen, wie weit sich die Rezepte verändert haben, oder auch: Welche Rezepte haben sich erhalten? Hat sich ein Rezept in der Familie durchgesetzt, dass für die Mitglieder der Familie mehr bedeutet, als etwas Essbares aufzunehmen.

Allerdings mussten wir feststellen, dass sehr viele Menschen aus unserem Umfeld ihre Urgroßeltern nicht kennen. Demnach können sie auch keine Rezepte kennen, die Ur-Omi gekocht hat. Oder aber, sie kennen das Rezept zwar, wissen aber nichts über den Ursprung des Gerichtes. Wie es scheint, wird die Küche tatsächlich als kulturelles Gut empfunden, allerdings nicht bewusst. Fragt man nach Gerichten aus der Kindheit, kann fast jeder Mensch etwas erzählen, was ihn kulinarisch geprägt hat. Heute aber, scheint die Küche zuhause oft kalt zu bleiben (um mal einen Werbespruch aus den 1970er Jahren zu verwenden). Eine bestellte Pizza vom Lieferdienst kann deswegen keine eigene Tradition herstellen, weil es sich eben nicht um Essen als Kultur, sondern um das viel hastigere Essen als Nahrungsaufnahme handelt. Bleibt da das Familienrezept auf der Strecke? Wird der Familien-Kuchen nur noch erinnert, aber nicht mehr gemacht, weil es Zeit kostest?

Das Brot schien uns da ein geeignetes Versuchsobjekt zu sein, denn es gibt verschiedene Umstände, die es in das Zentrum des Interesses rücken. Das Brot wird von sehr vielen Menschen aus Mitteleuropa sehr geschätzt, es ist Grundnahrungsmittel und man vermisst es schrecklich, wenn man irgendwo auf der Welt kein vernünftige Brot bekommt. Außerdem hat man früher oft noch selbst gebacken. Zu diesem Zweck hatte man eine Sauerteigmutter, die man zu einem Gemisch aus Mehl, Wasser und Salz gab. Fertig war der Teig. Er musste noch einen Tag ruhen und konnte dann abgebacken werden. Ein solches selbstgemachtes Brot hatte einen starken eigenen Charakter und sicher auch das Potential vermisst zu werden.

Das Argument, das alles koste doch viel zu viel Zeit, die habe man heute nicht mehr, kann man so nicht gelten lassen. Hat man den Teig zusammengerührt, muss man sich nicht mehr viel kümmern (bei einem einfachen Brot, zumindest). Alle Handgriff zusammen kosten vielleicht 20 Minuten, dazu kommt die Zeit zur Pflege der Sauerteigmutter (oder auch Anstellgut genannt). Zu einem Bäcker zu fahren und noch einen Parkplatz zu suchen kostet wahrscheinlich mehr Zeit und ein Supermarktbrot als Alternative schlägt nur vor, wer ein Selbstgemachtes noch nie gekostet hat.